2.2. Stressinterview: So meistern Sie den Test

Aktualisiert: 19. Okt 2020

Als sei das Vorstellungsgespräch nicht schon stressig genug. Jetzt also auch noch ein Stressinterview! Bei Bewerbern sind Stressfragen im Vorstellungsgespräch verhasst – teils zurecht, teils aber auch aufgrund schlechter Vorbereitung oder irriger Vorstellung, wie der des Kandidaten schindenden, machtgeilen Personalers.

Natürlich möchte sich jeder im Bewerbungsgespräch von der besten Seite präsentieren, und es hängt auch eine Menge davon ab, wie das Gespräch verläuft. Der künftige Job zum Beispiel. So ein Stressinterview, bei dem Bewerber gezielt unter Druck gesetzt oder aus dem Konzept gebracht werden, bietet aber auch ungeahnte Chancen…


Stressinterview: Warum diese Provokation?

Zunächst einmal muss man ganz nüchtern und sachlich feststellen: Stressinterviews sind die Ausnahme von der Regel, eine Sonderform im Vorstellungsgespräch. Die meisten Unternehmen und Personaler verzichten auf ein solches Stressinterview aus guten Gründen:

  • Der Bewerber ist ohnehin schon über die Maßen nervös und unsicher.

  • Das bisherige Gespräch was aufschlussreich und aussagekräftig genug.

  • Der Personaler verspricht sich dadurch keinerlei neue oder relevante Erkenntnisse.

Warum greifen Personaler auf Stressfragen zurück?

Auch hier muss man gleich vorweg sagen: Die wenigsten tun das, um Bewerber zu schikanieren, zu demütigen oder zu blamieren. Sicher, es gibt Ausnahmen. Personaler mit einer veritablen Profilneurose. Aber wie immer bei Ausnahmen: Sie bestätigen die Regel. Vielmehr geht es in einem Stressinterview darum, den Bewerber besser kennenzulernen und einen Blick hinter dessen gut aufgebaute Fassade zu werfen. Bei einem Vorstellungsgespräch genauso wie bei einem Assessment Center.

Gerade wegen der großen Bedeutung und der erwartbaren Nervosität sind viele Kandidaten heute extrem gut auf derlei Gespräche vorbereitet. Jede mögliche Frage wird vorher recherchiert, Zahlen und Fakten auswendig gelernt, Aufgaben vorbereitet, Antworten zurecht gelegt. Womöglich hilft sogar noch ein Bewerbercoach beim letzten Schliff. Das alles hat seine Berechtigung – kann aber auch dazu führen, dass die Authentizität dabei flöten geht.

Bei den anwesenden Personalentscheidern drängt sich zunehmend der Eindruck auf, hier vor allem eines präsentiert zu bekommen: eine perfekte Maskerade und gute Show. Verstehen Sie das bitte nicht falsch: Für Bewerber ist es absolut empfehlenswert, ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten, um die Jobchancen zu erhöhen und das Selbstbewusstsein zu stärken.


Personaler interessiert die echte Persönlichkeit

Was Personaler im Vorstellungsgespräch aber vor allem interessiert, ist die Persönlichkeit des Kandidaten: Passt der ins Team, zu der Unternehmenskultur – und eben: Wie reagiert er oder sie, wenn er sich eben mal nicht perfekt vorbereiten kann? Denn genau das ist die Regel im Job: Dinge passieren. Das Team muss dann aber trotzdem cool bleiben und zusammen funktionieren. Deswegen ist es auch ganz normal, dass in den Jobinterviews, gezielt nach Konfliktsituationen, Verweildauern, Kündigungen oder auch Widersprüchen im Lebenslauf gefragt wird.

An der Stelle kommt dann auch das Stressinterview ins Spiel: Der Gesprächspartner wird gezielt aus dem Konzept gebracht, provoziert und in eine stressige Situation versetzt. Effekt: Die Fassade beginnt zu bröckeln und lässt Einblicke auf den dahinter liegenden Menschen mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten, aber auch Schwächen zu – jene die Bewerber naturgemäß gerne verschweigen oder schönreden. So wird das Stressinterview zur ersten Arbeitsprobe.

Das Stressinterview hilft potenziellen Arbeitgebern also in erster Linie bei der Personalauswahl. Aber auch Kandidaten können es für sich nutzen: Wer hier souverän reagiert und die Attacken pariert, kann sich für die Einstellung empfehlen und stellt unter Beweis, dass er den Anforderungen des Jobs gewachsen ist.


Stressinterview: Aufbau und Ablauf

Vorstellungsgespräche sind normalerweise so aufgebaut, dass Bewerber dabei fünf klassische Gesprächsphasen durchlaufen: Smalltalk, Kennenlernen, Selbstpräsentation, Rückfragen und Abschluss. Wobei die Reihenfolge an manchen Stellen variieren kann.

Phase 1 Smalltalk Dauer: ca. 5 Minuten ➠ Kurze Begrüßung ➠ Namentliche Vorstellung ➠ Frage nach Anreise & Befinden / Getränke Phase 2 Kennenlernen Dauer: ca. 15 Minuten ➠ Arbeitgeber stellt sich vor ➠ Unternehmen / Kultur / Produkte ➠ Beschreibung der Position und Stelle Phase 3 Selbstpräsentation Dauer: ca. 10 Minuten ➠ Bisheriger beruflicher Werdegang ➠ Wesentliche Meilensteine und Erfolge ➠ Stärken mit Bezug zur Stelle Phase 4 Rückfragen Dauer: ca. 10 Minuten ➠ Fragen zu Inhalten & Anforderungen des Jobs ➠ Fragen zu Erwartungen & Leistungsmessung ➠ Fragen zu Entwicklungschancen Phase 5 Abschluss Dauer: ca. 5 Minuten ➠ Dank für das Gespräch ➠ Weitere Schritte / Fristen ➠ Verabschiedung

Muss ich mir alle Fragen gefallen lassen?

Der Unterschied im Stressinterview liegt darin, dass der Personalentscheider nach einer kurzen Aufwärmphase sein Verhalten plötzlich radikal verändert und den Bewerber konfrontiert: Die Fragen werden schärfer, es wird nachgebohrt, suggestiv nachgehakt, teils unterstellt, lächerlich gemacht, provoziert. Das Ganze ähnelt nicht selten einem Kreuzverhör – verbale Angriffe inklusive.

Zugegeben, nicht alles davon darf man sich gefallen lassen, manche Interviewer schießen deutlich über das Ziel hinaus, zum Beispiel wenn sie illegale beziehungsweise unzulässige Fragen stellen, die sowieso nie beantwortet werden müssen.

Zulässig aber ist es, wenn der Personalverantwortliche in dem Stressinterview beispielsweise mehrfach durchklingen lässt, dass er starke Zweifel an den Fähigkeiten und der Qualifikation des Bewerbers hat. Stressinterview-Beispiel ist die (Suggestiv-)Frage: „Finden Sie nicht auch, dass Sie für den Job ungeeignet sind? Sie haben ja keinerlei relevante Erfahrungen!“ Klar, das soll vor allem eines: verunsichern.