Authentizität: Die Kunst authentisch zu sein

Echtheit, Aufrichtigkeit, Authentizität – was ist das eigentlich? Spielen wir nicht alle irgendwelche Rollen, jeden Tag? Tagein, tagaus entsprechen wir Erwartungen im Job, erfüllen manches Klischee, erfüllen Geschlechter- oder Status-Stereotypen im Büro, passen uns an oder spielen Rollen im Privaten, um anderen zu gefallen, um sie zu provozieren oder beachtet zu werden – je nach Bedarf. Aber ist das dann überhaupt noch echt – oder eine faustdicke Lebenslüge? Verständlich, dass in Vielen von uns die Sehnsucht nach Authentizität wächst, der Wunsch nach Sein statt Schein. Danach, die Masken abzunehmen, echt zu sein und vor allem das: authentisch. Aber geht das überhaupt – und wenn ja wie?


Definition und Bedeutung: Was ist Authentizität?

Kaum ein Begriff ist in der Vergangenheit so oft erwähnt und erwünscht worden, wie der, authentisch zu sein. Allein Google findet dazu inzwischen rund 10,4 Millionen Einträge zum Suchbegriff „authentisch“, vor drei Jahren waren es erst 1,1 Millionen Treffer. So groß ist die Sehnsucht nach dem Echten heute.

Entsprechend wird das Substantiv Authentizität heute oft mit „Echtheit“ übersetzt. Wenn etwas als authentisch gilt, dann wurde es laut Definition also auf seine Echtheit geprüft und als Original befunden. Das gilt für Dinge oder Dokumente genauso wie für Menschen. Nur lassen die sich natürlich schwerer prüfen. Deshalb versuchen wir es oft mit anderen Kriterien – wie etwa der Übereinstimmung von Reden, Handeln, Gefühlen oder Denkweisen einer Person.

Die etymologische Betrachtung des Begriffs ist deshalb vielleicht zielführender: So leitet sich das Wort Authentizität vom Griechischen authentikós ab: „Autos“ bedeutet selbst und „ontos“ sein. Authentisch zu sein, heißt also übersetzt so viel, wie man selbst zu sein.


Authentische Menschen wirken in der Regel wahrhaftig, ungekünstelt, offen und entspannt. Ein authentischer Mensch strahlt aus, dass er zu sich selbst steht, zu seinen Stärken und Schwächen. Er ist gewissermaßen im Einklang mit sich selbst und das spürt auch die Umwelt.

Synonyme für Authentizität sind entsprechend:

  • Glaubwürdigkeit

  • Zuverlässigkeit

  • Unverfälschtheit

  • Wahrhaftigkeit

Apropos: Was assoziieren Sie mit „authentisch sein„? Sich nicht verbiegen lassen? Aufrecht sein? Glaubwürdig, zuverlässig, echt sein? Keine faulen Kompromisse eingehen?

Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu. Du machst hier bald mit einem Bekanntschaft, den ich genauso wenig kenne wie du.

Das singen Udo Lindenberg und Jan Delay in ihrem Hit „Ganz anders“. Die erste Hälfte des Zitats stammt eigentlich auch von jemand ganz anderem: dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horváth und seinem Werk „Zur schönen Aussicht“. Hinter der Aussage steckt der Wunsch, sich selbst besser zu (er)kennen sowie die Sehnsucht nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit – nach Authentizität eben.

Tatsächlich empfinden viele ihr Gegenüber schon dann als glaubwürdig, wenn sich der- oder diejenige ihren eigenen Vorstellungen entsprechend verhält. Menschen mit Ecken und Kanten dagegen sind latent verdächtig, etwas im Schilde zu führen. So kommt es zu der grotesken Situation, dass am Ende diejenigen als besonders authentisch empfunden werden, die ihre Rolle besonders überzeugend spielen oder sich so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten.


Reichen diese Indizien daher wirklich aus?

Zwar wächst überall der Wunsch nach dem Authentischen, doch verführt uns das Internet im Alltag oft zum Gegenteil. Es erlaubt uns beispielsweise die Anonymität ebenso wie eine Art digitales Vexierspiel aus den verschiedenen Facetten unserer Persönlichkeit: Auf Facebook sind wir der nette Kumpel mit dem aufregenden Partyleben; auf Instagram spielen wir Trendsetter und Gerne-Influencer, auf Xing sind wir wieder ganz Profi: nüchtern, sachlich, seriös.

Teilweise ist das sogar gewollt. Selbstmarketing ist nicht nur ein moderner Trend. Der eigene Ruf, das virtuell designte Image und die Online-Reputation sind für den beruflichen Erfolg längst ein wichtiger Karrierefaktor. Die Optimierung des Selbst und die passende Fassade dazu avancieren zur Persönlichkeitsmarke. Was dabei herauskommt, ist nicht selten sogar perfekter als das Original.

Das aber wirft Fragen auf:

  • Was davon ist dann noch real?

  • Wie lange bleibt derjenige, der so handelt, selbst noch echt?

  • Wo endet die noch zulässige Eigenwerbung und wo beginnt der opportune Bluff?

Die 4 Kriterien der Authentizität

Tatsächlich haben sich in der Vergangenheit zahlreiche Wissenschaftler mit der Authentizität beschäftigt und versucht, diese auf irgendeine Weise zu messen oder zumindest etwas genauer zu bestimmen. Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman von der Universität von Georgia unterscheiden hierbei zum Beispiel vier Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit wir uns selbst als authentisch erleben:

  1. Bewusstsein. Wir müssen unsere Stärken und Schwächen ebenso kennen wie unsere Gefühle und Motive, also warum wir uns so oder so verhalten. Erst durch diese Selbstreflexion sind wir in der Lage, unser Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen.

  2. Ehrlichkeit. Leider neigen wir Menschen dazu, uns schöner zu sehen als wir sind. Sogar sprichwörtlich. So gibt es einen amüsanten Versuch von Nicholas Epley und Erin Whitchurch mit Porträtfotos und durch Photoshop geschönten Varianten. Auf die Frage, welches der Fotos die Probanden selbst zeige, entschieden sich diese jedes Mal für das aufgehübschte Foto. Sollten sie hingegen die Porträts anderer Teilnehmer identifizieren, wählten sie ohne Probleme das unbehandelte, authentische Gesicht. Traurig, aber wahr: Wer authentisch sein will, muss der Realität ins Auge blicken und auch unangenehme Rückkopplungen – seien sie optisch oder verbal – akzeptieren.

  3. Konsequenz. Wer Werte hat, sollte danach handeln. Das gilt auch für einmal gesetzte Prioritäten oder für den Fall, dass man sich dadurch Nachteile einhandelt. Kaum etwas wirkt verlogener und unechter als ein Opportunist.

  4. Aufrichtigkeit. Natürlich lässt sich eine zeitlang ein geschöntes Bild aufrecht erhalten. Ein bisschen Show muss sein und so. Aber nicht wenn es um Authentizität geht. Wer wahrhaftig sein will, muss die Größe zeigen, auch seine negativen Seiten zu offenbaren.

Authentizität beginnt also immer bei sich selbst. Wer versucht, Rollen und Klischee zu entsprechen, bewegt sich davon schon weg, ist zwar vielleicht beliebt, aber häufig auch opportun und unecht.


Die Kunst, authentisch zu sein – trotz Entwicklung

Doch auch wenn Selbstbild und Fremdbild im Einklang stehen, bedeutet das nicht, dass wir so bleiben müssen, wie wir sind.

Unsere Persönlichkeit ist kein zementierter Zustand. Wir entwickeln uns stetig weiter. Nicht nur unsere Fähigkeiten und Kompetenzen – auch Persönlichkeitsmerkmale sind veränderbar. Zwar wird aus einem Mauerblümchen nicht unbedingt eine Rampensau. Doch verändern wir unsere Identität im Schnitt alle 20 Jahre, so jedenfalls das Ergebnis einer Studie von Margaret King und Jamie O’Boyle. Danach liegen die typischen Anpassungsphasen in etwa im den jeweiligen Lebensaltern zwischen 15 und 20, 35 bis 40, 55 bis 60 sowie über 75 Jahren.

Der abgeschlossene, fertige Mensch, der so ist, wie er ist, ist also eine Illusion. Wir können somit immer noch authentisch sein, selbst wenn andere feststellen: „Du hast dich aber verändert!“ Authentizität ist nicht gleichbedeutend mit Konformität. Entscheidend ist vielmehr die Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber.


Wird Authentizität zu unrecht glorifiziert?

Nun trägt Wahrhaftigkeit einen hellen Schein. Besonders hell leuchtet er in Zeiten, in denen Betrug und Bestechlichkeit der Beletage anhaften und Authentizität (ebenso wie Transparenz) zum eilig übergestülpten Büßerkleid mutieren. Dann überstrahlt der wahrhaft ehrliche Schein sogar das, was drinsteckt in dem Kleid: Persönlichkeit.

Wer sich verstellt, gilt als unehrlich; wer sich anpasst als Opportunist; wer für alles offen ist, kann nicht mehr ganz dicht sein. Aber wer ist, wie er ist, der hat zumindest das Zeug zum Original… Holy, holy – glory, glory!

In Wikipedia gibt es zum Beispiel eine andere Definition für Authentizität:

Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch äußere Einflüsse bestimmt wird, sondern in der Person selbst begründet liegt.

Das liest sich leicht, verlangt uns im Alltag jedoch allerhand ab. Es bedeutet, keine faulen Kompromisse zu schließen, sich selbst treu zu bleiben und aufrecht zu seinen Überzeugungen zu stehen und danach zu handeln.

Aber reicht das schon, um das Authentisch als derart erstrebenswert zu verklären?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nichts Falsches an der ehrlichen Haut. Gar nicht. Doch ist sie teils auch nichts weiter als eine Masche, eine reichlich durchsichtige noch dazu, bei der das Authentische zum einzig wahren Wert erklärt wird und somit alle Qualitäten verkörpert, die ein Vorbild heute braucht.

Authentizität kann wie ein Eisberg in der arktischen See sein: imposant an der Oberfläche, aber darunter lauert die Gefahr.

  • Authentizität per se adelt den Büro-Nerd genauso wie das Chefzäpfchen und den Despoten.

  • Sie verklärt den berechnenden Egoisten zum mutigen Haudegen und

  • den ewig nörgelnden Tunichtgut zum wertvollen Querdenker.

Die sind halt so – aber wenigstens stehen sie dazu und bleiben sich treu… Toll. Was kann der Pitbull schon dafür, dass er alle beißt? Aua!


Die Kunst auth