Macht Geld glücklich?

Arbeiten Sie vor allem für Geld? Fehler. Für viele Menschen sind Geldverdienen und ein möglichst hohes Gehalt die treibende Kraft hinter ihrer Berufswahl oder hinter zusätzlicher Leistung. Dabei sind die meisten zugleich davon überzeugt, dass Geld nicht glücklich macht. Sicher, ganz ohne ein Existenzminimum geht es nicht. Ein faires Grundeinkommen muss da sein, damit die Arbeit dauerhaft Spaß macht. Aber darüber hinaus? Macht Geld glücklich? Motiviert es, und wenn ja: wie lange? Die Wissenschaft kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen…


Mehr Geld: Motiviert das überhaupt?

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt ungemein, heißt es im Volksmund so schön. Dem 2013 verstorbenen Publizisten Marcel Reich-Ranicki wird wiederum folgendes Zitat zugeschrieben: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“

Zu wissen, dass man sich etwas leisten kann, sich Wünsche erfüllen kann und dafür nicht jeden Euro rumdrehen muss – das ist ein schöner Gedanke. Finanzielle Freiheit und Unabhängigkeit wirken enorm erleichternd auf die Psyche.

Aber spornt uns das Geld auch langfristig an?

Diese Frage beschäftigt Ökonomen, Soziologen und Psychologen schon seit Jahrzehnten. Tatsächlich basieren die meisten Arbeitsstrukturen und Organisationen auf der Idee, dass monetäre Entschädigung eine wesentliche Motivation für Arbeitsleistung sei. Oder kurz: Je mehr man den Leuten bezahlt, desto bessere Ergebnisse erzielen sie. Angeblich.

Doch Motivation ist nicht käuflich. Davon ist nahezu jede zweite Fach- und Führungskraft (47 Prozent) in Deutschland überzeugt. Das kam bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Hay Group (rund 18.000 Befragte) heraus. Die meisten würden sich durch eine Gehaltserhöhung nicht zusätzlich anspornen lassen.

Auch variable, also erfolgsabhängige Vergütungsanteile wie Prämien und Boni hatten für jeden Vierten keinerlei motivierenden Effekt. 56 Prozent der Fachkräfte gaben sogar an, sich ab einem variablen Gehaltsanteil von 30 Prozent unter Druck gesetzt zu fühlen.

Dazu passt auch das sogenannte Easterlin-Paradox: Als Richard Easterlin über einen Zeitraum von 25 Jahren die subjektive Lebenszufriedenheit der Amerikaner untersuchte, stellte er bald fest: Obwohl sich das Einkommen der Amerikaner zwischen 1946 und 1970 im Schnitt nahezu verdoppelt hatte, waren sie keinesfalls zufriedener. Mehr noch: Menschen in ärmeren Ländern wie Puerto Rico oder Kolumbien besaßen ein deutlich geringeres Pro-Kopf-Einkommen als die Amerikaner, besaßen aber eine vergleichbare Lebenszufriedenheit.

Kurzum: Mehr Reichtum in einer Gesellschaft führt nicht automatisch zu mehr Lebenszufriedenheit. Das ist das Easterlin-Paradox. Geld macht Menschen zwar glücklicher. Aber nur jene, die wenig haben und damit gerade so über die Runden kommen (müssen).

Die Frage, ob Geld glücklich macht oder motiviert, ist natürlich nicht neu. Der schnöde Mammon wurde schon in der Bibel denunziert und die Beatles sangen einst: „Money can’t buy me love“.

Dennoch lässt das liebe Geld kaum einen Menschen kalt. Dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer, ist immer wieder ein Aufreger. Genauso wie die Frage, ob Geld den Charakter verdirbt. Wobei das ist eher die Frage nach der Henne und dem Ei: Kann es einen solchen Zusammenhang überhaupt geben? Umgekehrt würde ja auch keiner behaupten, dass Geldmangel den Charakter verbessert!


Verdirbt Geld den Charakter – und sind Arme großzügiger?
 Dass Arme großzügiger sind als Reiche, lässt sich im Alltag immer  wieder beobachten. Es wäre allerdings zu einfach, zu glauben, dass  Reiche automatisch egoistischer und kaltherziger wären.
 Und es stimmt auch nicht, wie Paul Piff von der Berkeley Universität  zeigen konnte. Bei seinen Experimenten arbeitete er mit dem sogenannten Priming.  Dabei brachte er seine Probanden mittels Videos dazu, sich in jeweils  anderen finanziellen Umständen zu wähnen und – die Reichen als arm und  umgekehrt – und sich zu überlegen, ob sie dem sympathischen Bettler im  Film etwas Geld geben würden.
 Resultat: Die manipulierten Wohlhabenden waren generöser, die Armen indes geiziger. Das Gefühl der sozialen Gruppenzugehörigkeit war in Sachen Großzügigkeit  ausschlaggebend: Mitglieder der einzelnen sozialen Schichten  identifizieren sich eher mit ihresgleichen. Entsprechend leichter tun  sich Reiche damit, kulturelle Institutionen, Hochschulen und  Universitäten mit Geldbeträgen zu unterstützen, die sie und ihre Freunde  besucht haben oder regelmäßig nutzen. Arme wiederum sehen in den  Bettlern Menschen, die letztlich mit denselben Problemen kämpfen wie sie  selbst.
 Das eigentlich dramatische an dieser Erkenntnis ist: Je stärker  dieser Effekt wirkt, desto mehr verstärkt er die Kluft zwischen arm und  reich. 

Macht Geld glücklich? Das sagt die Wissenschaft

Längst gibt es zahlreiche Studien über den Zusammenhang von Geld und Glück, Motivation oder Zufriedenheit. Ein paar der bemerkenswertesten Ergebnisse zum Thema Geld und dessen Wirkung haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Eine Erkenntnis sei aber schon vorweg genommen: Die Idee, dass Geld motiviert, ist ein Irrglaube. Ein gefährlicher noch dazu…

  • Bei 60.000 Euro Jahresgehalt sind wir am glücklichsten. Viele Menschen glauben, sie wären glücklicher, wenn sie mehr Geld verdienen würden. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit: Tatsächlich gilt das nur bis zu einem bestimmten Einkommen. Wissenschaftler um Daniel Kahnemann und Angus Deaton haben herausgefunden: Bei einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro erreicht unser Lebensglück ein Maximum. Danach erweitert mehr Geld vielleicht finanzielle Spielräume – glücklicher aber macht es nicht. Ab einem Jahreseinkommen zwischen 80.000 und 100.000 Euro lässt sich kaum noch ein Zusammenhang zwischen mehr Geld und Zufriedenheit messen. Ökonomen sprechen hierbei auch von einem abnehmenden Grenznutzen.

  • Gehaltsplus motiviert erst ab 7 Prozent. Der Management-Professor an der Universität von Northern Iowa, Atul Mitra, untersuchte intensiv, ab welchem Anteil eine Gehaltserhöhung motivierend, beziehungsweise demotivierend wirkt. Resultat: Erst ab einem Plus von sieben bis acht Prozent fühlen sich Mitarbeiter ausreichend gewürdigt, sodass sie sich künftig mehr anstrengen. Darunter hatte die Gehaltserhöhung allenfalls den Halbwerts-Effekt eines Amuse-Gueules. Mitra drehte den Spieß allerdings auch noch einmal herum und erforschte, wie groß ein Gehaltsminus ausfallen muss, um demotivierend zu wirken. Ergebnis: Haben Arbeitnehmer nur fünf Prozent weniger in der Tasche als bisher, reagierten sie maximal verschnupft und verärgert darauf. Und natürlich arbeiten sie danach auch prompt weniger hart und engagiert.

  • Mehr Einkommen motiviert maximal 4 Jahre. Geld oder eine Gehaltserhöhung motivieren nur für eine bestimmte Zeit. Genauer: für maximal vier Jahre. Als Wissenschaftler der Universität Basel erforschten, ob und wie lange ein Gehaltsplus glücklich macht, kamen sie zu dem Ergebnis: Die Gehaltserhöhung sorge zwar kurzfristig für mehr Zufriedenheit, nach rund 4 Jahren war der Effekt aber schon wieder verpufft. Als Grund für diesen eher kurzfristigen Motivationsschub nennen die Forscher den Gewohnheitseffekt. Am Anfang spürt man vielleicht noch das Plus im Geldbeutel, mit der Zeit aber wird es normal und ist nichts Besonderes mehr. So verschieben sich im Laufe der Jahre sowohl Wünsche als auch Ansprüche und Referenzpunkte. Hinzu kommt: Alles ist relativ – erst recht das Gehalt. Entsprechend messen Mitarbeiter ihr Einkommen nicht allein in absoluten Zahlen, sondern bewerten es im Vergleich zu den Kollegen. Auch das zeigte die Studie: Die Gehaltserhöhung motivierte kurzfristig vor allem dann, wenn das Gehalt (gefühlt) das der anderen Kollegen überstieg.

  • Geld motiviert nur die Überdurchschnittlichen. Eine leistungsgerechte Entlohnung macht Arbeitnehmer glücklich, aber nur die überdurchschnittlich Produktiven. Zu diesem Ergebnis kamen wiederum Wissenschaftler um Uwe Jirjahn von der Universität Trier, Thomas Cornelissen vom University College London sowie John Heywood von der Universität von Wisconsin-Milwaukee. Den positiven Effekt führt das Ökonomen-Trio darauf zurück, dass von einem leistungsabhängigen Gehalt die überdurchschnittlich Leistungsträger auch am meisten profitieren. Ihre Produktivität verschafft ihnen ein größeres Einkommen, was wiederum die Arbeitszufriedenheit erhöht. Und weil sie wissen, dass sie fleißig sind, suchen sie sich tendenziell auch solche Arbeitgeber, die entsprechende Vergütungsmodelle anbieten. Für die Unternehmen lautet die Empfehlung daher: mehr selektieren beim Gehalt. Für besonders produktive Mitarbeiter wäre eine Leistungsentlohnung das beste Instrument, um sie zu rekrutieren, zu motivieren und zu binden.

  • Wer nur ans Geld denkt, hat kaum noch Zeit. Zeit ist Geld. Auch so ein Bonmot. Allerdings macht es einen Unterschied, ob Sie über das Eine oder das Andere nachdenken: Wer immer nur ans Geld(verdienen) denkt, hat keine Zeit mehr. Zu diesem Ergebnis kommt die Marketing-Professorin Cassie Mogilner von der renommierten Wharton School an der Universität von Pennsylvania. Je nachdem, ob die Menschen über ihre Zeit oder den schnöden Mammon sinnieren, fühlen sie sich gelassener und glücklicher oder eben auch nicht. Selbst auf die Beziehungen zu anderen Menschen hat das Einfluss. In den Experimenten zu der Studie wurden Geschäftsleute, die in ihrer Pause einen Kaffee holen wollten, gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Wobei die Wissenschaftler zwei Versionen davon verteilten: Der eine Fragebogen beschäftigte sich ausschließlich mit Begriffen rund ums Geld, der andere drehte sich um den Faktor Zeit. Und siehe da: Wer viel über Geld nachgedacht hatte, schlürfte zügig seinen Kaffee und ging danach sofort wieder arbeiten. Wer sich dagegen mit Zeitfragen beschäftigt hatte, blieb lieber noch ein bisschen und pflegte vor allem soziale Kontakte. Als die Teilnehmer den Laden verließen, wurden Sie noch einmal gefragt, wie sie sich fühlten: Jene, die sich Zeit gelassen und lieber noch mit den Kollegen einen Plausch gehalten hatten, waren glücklicher.

  • Wer an Geld denkt, dem wird kalt. Laut einer Gemeinschaftsstudie von Forschern um Leonie Reutner von der Universität von Basel und Kollegen Universität von Salzburg, wird uns schon beim Gedanken an Geld kälter. In einem der Versuche sollten beispielsweise 40 Probanden die Anzahl von Banknoten in einem Glas schätzen; eine zweite Gruppe absolvierte dieselbe Schätzfragen – nur waren diesmal lediglich Briefkuverts im Glas. Gleichzeitig wurden die Teilnehmer gefragt, wie warm sie den Raum fanden – und tatsächlich: Wer das Geld vor Augen hatte, empfand den Raum kälter. In einem weiteren Experiment sollten 62 Probanden ihren Arm in einen Eimer mit Wasser halten und die Temperatur schätzen. Wieder wurden eine der Gruppen manipuliert, sodass diese an Geld dachte. Resultat: Ihr Wasser (obwohl es faktisch keinen Unterschied gab) fühlte sich für sie kälter an. Faszinierend an der Studie ist daher wie allein schon der Gedanke an Geld unsere Gefühle, bis hin zu Wahrnehmung von Temperaturen beeinflussen kann.

  • Geld verändert Beziehungen. Menschen, die viel an Geld denken, setzen andere Prioritäten: Sie stufen Arbeit höher und Beziehungen niedriger ein. Das wiederum ergaben Studien von Richard Ryan von der Universität von Rochester in New York. Studenten, die sich Ruhm und Reichtum zum Ziel gesetzt hatten, schilderten ihre Beziehungen zu Freunden und Partnern deutlich negativer als ihre Kommilitonen in den Kontrollgruppen. Für die Geldstreber waren andere Menschen oft nur Mittel zum Zweck.

  • Geld lässt Ziele weniger wertvoll erscheinen. Wenn man Menschen, die zuvor etwas freiwillig getan haben, danach durch Geld motiviert, sinkt deren Engagement dramatisch (siehe auch „Korrumpierungseffekt“ weiter unten). Das belegen Studien der US-Psychologin Theresa Amabile von der Brandeis Universität. Im konkreten Fall wertschätzten die Probanden mit der Arbeit verbundenen Ziele prompt weniger, wenn diese mit Geld honoriert werden: In einem Experiment forderte sie 72 Studenten auf, Poesie zu schreiben. Einige Studenten wurden mit der Aussicht auf Geld und Ruhm geködert, andere durch die Aussicht mit Worten zu spielen oder sich selbst auszudrücken – Ergebnis: Die monetär motivierten Autoren schrieben nicht nur weniger, sondern auch weniger gut.

  • Geld verschiebt Prioritäten. Das Experiment des Harvard-Ökonom Roland G. Fryer fand zwischen 2008 und 2009 statt. Seine Idee war, Studenten Geld anzubieten, falls diese einen besonders guten Abschluss schaffen. Natürlich waren die Studenten über die Aussicht, mit dem Abschluss eine Prämie einzustreichen, hoch erfreut und versuchten eine besonders hohe Prämie zu erzielen. Allerdings wussten sie nicht genau wie: Als die Wissenschaftler fragten, wie sie das anstellen wollten, antworteten die Kommilitonen klassisch: mehr lernen, mehr Test-Trainings absolvieren, die Prüfungsfragen gründlicher lesen. Aber wirklich substanzieller Forschungsdrang war nicht darunter. „Keiner von ihnen blieb nach einem Kurs in der Klasse und sprach etwas mit dem Professor oder stellte ihm Fragen“, sagt Fryer frustriert, „nicht einer“. Am Ende drehte sich die gesamte Motivation der Studenten nur noch darum, eine möglichst hohe Prämie zu bekommen. Der gute Abschluss, das eigentliche Lernen waren nur noch Nebensache und Mittel zum Zweck.

  • Geld macht einsam. Auch diese Experimentalreihe von Kathleen Vohs von der Universität von Minnesota passt dazu: In einem Experiment lasen diejenigen, die unter einem Geldscheinposter saßen, lieber einsam ein Buch, statt mit einem Freund in ein Café zu gehen. Wer beim Monopoly-Spiel gewann und reichlich abkassierte, half wiederum anschließend kaum noch beim Einsammeln von Bleistiften, die gerade „zufällig“ heruntergefallen waren.

  • Geld macht sogar unglücklich. Schuld daran ist der Unterschied zwischen Haben und Habenwollen. Wer in sein Handeln vor allem finanzielle Ziele anstrebt, macht sein Lebensglück letztlich von extrinsischen Faktoren abhängig. Und weil die immer weiter gesteigert werden müssen, wird das Glück und Ziel nie erreicht. Hinzu kommt: Wer viel hat, definiert sich öfter über seinen Besitz, so die Erkenntnis der Sozialpsychologin Marsha Richins von der Universität von Missouri in Columbia. Entsprechend fühlen sich reiche Menschen oft unsicherer, wie echt ihre Freundschaften sind; sie leiden häufiger an Ängsten, jemand könnte sie bestehlen oder überfallen; und sie trinken mehr Alkohol und nehmen häufiger Drogen als andere. Dazu passen auch die Untersuchungen des Nobelpreisgewinners und Wirtschaftspsychologe Daniel Kahnemann. Er fand unter anderem heraus, dass sich reiche Menschen keinesfalls häufiger den angenehmen Dingen des Lebens widmen als weniger wohlhabende. Nach einer kurzen Phase des Eingewöhnens finden Arme wie Reiche in ihre alten Rollenmuster zurück: Der Zufriedene bleibt zufrieden, der Jammerer jammert. Dass Geld nicht zwangsläufig die Laune hebt, konnte auch Philip Brinckman nachweisen: Dazu wählte er einen besonders dramatischen Vergleich zwischen Lotteriegewinnern und Menschen, die durch einen Unfall schwerbehindert wurden. Er befragte 22 Lottomillionäre, eine 22-köpfige Kontrollgruppe sowie 29 Unfallopfer. Ergebnis: Die Millionäre waren keinesfalls glücklicher als alle anderen, die Behinderten wiederum waren noch nicht einmal unglücklicher als die Menschen der Kontrollgruppe.