Mut: Ein Plädoyer für mehr Courage

Nur Mut! Wer traut sich? Wer besitzt so viel Courage? Ein altes Wort, das für mehr steht als Mut. Solche Menschen sind nicht nur bereit, Risiken einzugehen, Opfer zu bringen – sie sind dazu entschlossen. Die vielbeschworene und bewunderte Charaktereigenschaft, die uns befähigt, Widerstände und Gefahren zu überwinden oder uns für eine Sache oder Mitmenschen einzusetzen, ist allerdings selten. Zwar klingt der Appell für mehr Mut und Entschlossenheit gut, nach hochgekrempelten Ärmeln, nach Visionen und nach Aufbruch. Doch erfordert die Umsetzung auch Eigenständigkeit im Denken, Bewusstsein für Werte und emotionale Reife und Stärke. Wie aber lässt sich mehr Mut gewinnen?


Definition: Wie definieren Philosophie und Psychologie Mut?

Mut kann sich unterschiedlich zeigen – beispielsweise kann es Mut erfordern, etwas Bestimmtes zu tun. Ebenso kann Mut beim Unterlassen einer Handlung gefragt sein.

Ursprünglich stammt der Begriff „Mut“ vom indogermanischen „mo“ (germanisch moda) ab, was so viel bedeutet wie „sich mühen“, „starken Willens sein“, „heftig nach etwas streben“. Im Hochmittelalter wurde der Mut in epischen Dichtungen und im Minnesang als Edelmut und Tugend gefeiert, die vor allem Ritter kennzeichnete. Sie waren „ohne Furcht und Tadel“.

Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Mutige angstfrei sind. Dabei kennen sie Furcht und akute Angstgefühle durchaus. Mut und Angst schließen sich keinesfalls aus. Courage aber hilft, die Angst und das Zaudern zu überwinden, Furchtlosigkeit zu zeigen und so Handlungsfreiheit (wieder) zu gewinnen.

Oder wie Francois Mitterand es einmal formuliert hat:

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern diese Angst zu überwinden.

Vielmehr ist das Gegenteil von Mut Feigheit: Die übertriebene Angst und der Mangel an Zuversicht. Der griechische Philosoph Aristoteles drückte es so aus:

Der Feige hofft also zu wenig, weil er vor allem zurückschreckt.

Wer allerdings etwas bewegen, über sich hinauswachsen und aufsteigen will, muss mutig handeln. Wer Mut besitzt, ist sich seines Könnens und seiner eigenen Kräfte bewusst. In der Psychologie beschreibt Mut die Fähigkeit, eine Situation zu meistern, obwohl eine potenzielle Gefahr besteht.

Gefahr heißt in diesem Fall nicht zwangsläufig eine für Leib und Leben bedrohliche Situation, aber eine Situation mit Unwägbarkeiten, in der sich eine Person unsicher fühlt. Prüfungssituationen wären hier als Beispiel zu nennen oder ähnliche Herausforderungen, etwa ein Vorstellungsgespräch.

Der Psychologe und Pädagoge Siegbert A. Warwitz fand dazu einen schönen Vergleich, indem er dem Bremsfaktor Angst den Antriebsfaktor Mut gegenüberstellte. Mut kann sich aus unterschiedlichsten Emotionen speisen. So kann Neugier eine Triebfeder sein, ebenso aber auch Empörung – beispielsweise angesichts von ungerechtem Verhalten.

Somit gibt es gleich mehrere Arten von Wagemut oder Beherztheit, wie Mut synonym auch genannt wird:

  • Den Mut zur Wahrheit

  • Den Mut der Verzweiflung

  • Den Mut zur Transparenz

  • Den Mut zur Toleranz

  • Den Mut zum Nein

  • Den Mut gegen Macht

Überdies gibt es noch den Großmut, Sanftmut, Langmut, Hochmut, Schwermut, Freimut, Wankelmut, Übermut oder Kampfesmut – und natürlich die Zivilcourage…


Wozu brauchen wir Mut?

„Am Mute hängt der Erfolg“, erkannte schon Theodor Fontane. Erst Courage ermöglicht Integrität, Aufrichtigkeit, Kreativität und Vertrauen. Ohne Mut gäbe es keine eigene Meinung, keine unkonventionellen Entscheidungen, kein Ausbrechen aus der Routine, keinen Pioniergeist, kein Wachstum.

Mut ist der Motor allen Wirtschaftens. Und im Joballtag nicht wegzudenken:

  • Mutig zu führen kann heißen, aufzustehen und die Wahrheit zu sagen, wenn es nötig ist.

  • Es heißt aber auch, die Wahrheit zu ertragen, wenn es unangenehm wird und , eigene Fehler einzugestehen.

  • Es kann bedeuten, seinen Mitarbeitern Verantwortung anzuvertrauen.

  • Oder aber einen Schlussstrich zu ziehen, wenn es an der Zeit ist und dabei vielleicht sogar für seine eigene Überzeugung einzutreten – ohne Rücksicht auf die Karriere.

Wie kann man bloß so mutig sein?, fragen sich manche. Zugleich ist es eine Binsenweisheit, dass zum Beispiel managen nichts anderes bedeutet, als Entscheidungen zu treffen, deren Ausgang ungewiss ist, weil in unserer komplexen Welt zu viele Variablen nahezu jedes Kalkül auf eine Wette reduzieren. Der Mutige entscheidet trotzdem. Jedoch keinesfalls blind, vielmehr ist sein entscheidender Wesenszug, diese Risiken „sehend zu überwinden“, schrieb Jean Paul.

Courage ist die Kombination aus Verstand, Wissen und Optimismus:

Mutig ist, wer sich des Risikos bewusst wird, reflektiert und kalkuliert – danach aber auch konsequent handelt. Dummerweise ist Mut aber oft wie ein Luxusgut: Jeder bewundert ihn, aber kaum einer mag ihn sich leisten.

Jeder Vierte würde gründen, hat aber nicht den Mut dazu
 Der eigene Boss sein? 60 Prozent der Deutschen träumen davon, so das  Ergebnis einer Umfrage, wie es hunderte dazu gibt. Die Hauptanreize sind  meist: das höhere Einkommen (52 Prozent), Unabhängigkeit (49 Prozent)  sowie Selbstverwirklichung (42 Prozent). Die Zahlen mögen hier und da  variieren, eines allerdings nie: Den Befragten mangelt es für diesen  Schritt praktisch nie an Ideen, sondern vor allem am rechten Mut: 58  Prozent nennen als größte Hürde für eine selbständige Tätigkeit die  Angst vor dem Scheitern. Das Fehlen einer zündenden Geschäftsidee nennen hingegen nur 37 Prozent.


Wieso verlieren manche ihren Mut?

In der Natur ist häufiger zu beobachten, dass manche Tiere sich eher zögerlich und in derselben Population andere eher „draufgängerisch“ verhalten. Einiges spricht dafür, dass Gene und Hormone eine Rolle spielen. Im Gegensatz zu Tieren können Menschen bewusst ihre Entscheidungen fällen.

Dazu mag es hilfreich sein, sich die Hauptgründe für mangelnden Mut zu verdeutlichen:

  • Ausgeprägter Pessimismus Ein wichtiger Wesenszug des Mutes ist, optimistisch in die Zukunft zu blicken: Der Mutige glaubt an seinen Erfolg, an seine – wie es in der Psychologie genannt wird – Bewältigungsfähigkeiten. Genau das schaffen Mutlose nicht. Sie malen sich stattdessen mögliche Konsequenzen aus und versuchen erst gar nicht, Dinge zu ändern. Dies ist aber zugleich der Grund dafür, warum manche ihren Mut verlieren:

  • Geringe Resilienz Manche Menschen haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Trotz großer Anstrengung, Entschlossenheit und Courage kam es anders, und sie sind gescheitert. Nicht nur einmal, sondern zwei, drei oder viele Male. Solche Rückschläge rauben nicht nur (emotionale) Kraft. Sie zermürben und machen mit der Zeit immer mutloser: Warum mutig sein, wenn es dafür doch immer wieder eine blutige Nase gibt? Dabei richten sie ihr Augenmerk auf jene Male, in denen ihr Mut nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Womöglich aber zu einem anderen, das sich in der Rückschau einmal als das Bessere herausstellen könnte. Oder sie vergessen all die Male, in denen der Mut geholfen hat, die eigenen Ziele zu erreichen.

Pessimismus und mangelnde Resilienz führen eher zu einer abwartenden, verharrenden Position. Die Betroffenen machen sich abhängig von vergangenen Krisen, nicht aber von künftigen Chancen. Kurz: Der Blick nach hinten versperrt ihnen die Aussicht nach vorn. Der Blick nach vorn aber ist ja gerade ein wichtiger Wesenszug für mehr Mut.

Mutlos: Der Ostrich Effekt
 Der renommierte Verhaltensökonom George Loewenstein von der Carnegie  Mellon Universität beschrieb als erster das Verhalten von Investoren,  die ihren Kopf lieber in den Sand stecken, wenn die Börse bärig wird: Abwarten, aussitzen und hoffen obwohl die Börse in rasantem Tiefflug ist – in der Fachsprache ist diese Strategie auch bekannt als Ostrich-Effekt oder Vogel-Strauß-Politik (Ostrich ist das englische Wort für Strauß).
 Das Fatale an diesem Effekt jedoch ist: Sobald wir uns einmal in  dieser Schockstarre befinden, werden wir resistent gegenüber allen neuen  Informationen, Warnungen oder Ratschlägen. Vor allem aber: Wir werden  passiv wie das Kaninchen vor der Schlange.
 Die Lösung dazu ist allerdings so banal wie sie unglaublich schwer in  der Umsetzung ist: nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und  direkt darauf zu; aussprechen statt totschweigen; handeln statt  abwarten; den Stier bei den Hörnern packen statt mit roten Handtüchern  zu werfen. Realistisch betrachtet gibt es nur zwei Dinge, die uns daran  hindern: unser Stolz und fehlender Mut.

Mutprobe: Lässt sich Mut lernen?

Zu einem gewissen Grad: ja. Mut lässt sich lernen, wenn man es denn will. Psychologen vergleichen die Courage gerne mit einem Muskel: Je mehr man daran trainiert, desto stärker wird er. Tapferkeit wird ja auch nicht dadurch schlechter, dass sie weniger schwerfällt.

Insgeheim bewundert jeder derart mutige Menschen. Denn sie heben sich von der zaudernden Masse ab. Wagemutigen, wenn sie nicht gerade tollkühn sind, folgt man gern. Ihre Courage macht Freunden Mut – und schüchtert Widersacher ein, indem sie die eigene Angst auf die Gegner überträgt, weil diese kaum mit Tapferkeit rechnen.

Im Endeffekt aber ist Courage vor allem eine Frage des Willens: Man muss mutig sein wollen.

Wer dagegen ständig Konflikte scheut, keine mutigen Forderungen stellt, der verkauft sich nicht nur unter Wert. Wer jedes Risiko scheut, zerstört auch alle seine Chancen. Von dem Ex-Minister Heinz Riesenhuber stammt der schöne Satz:

Wer sein Leben so einrichtet, dass er niemals auf die Schnauze fallen kann, der kann nur auf dem Bauch kriechen.